Ethiopian-Airways-Chef: "Afrikas Blick richtet sich nach Osten"

Der Chef von Afrikas größter Fluglinie baut ein Drehkreuz für Asien und Südamerika - an Europa vorbei. Im Interview spricht er über den Bedeutungsverlust der alten Welt und die machtpolitische Seite seiner Airline.


SPIEGEL ONLINE: Herr Gebremariam, Sie versuchen seit 2016 verstärkt in Deutschland zu expandieren. Warum?

Gebremariam: Deutschland ist einer unser größten Märkte in Europa. Es gibt kaum ein EU-Land, aus dem mehr Passagiere und Waren nach Afrika kommen. Außerdem ist der Flughafen in Frankfurt ein wichtiger Knotenpunkt für unsere Expansion nach Osteuropa.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen neben Frankfurt ein zweites Drehkreuz in München errichten. Doch dabei scheint es Probleme zu geben.

Gebremariam: Die deutsche Regierung hat uns bislang keine Genehmigung erteilt. Es gibt offenbar Schwierigkeiten bei der Koordination mit der Lufthansa.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Airline war die erste in Afrika, die Asien und Lateinamerika direkt angeflogen hat - ohne Umweg über die Hauptstädte der alten Kolonialmächte. Ist das ein Zeichen für Europas Bedeutungsverlust?

Gebremariam: Wir fliegen viele europäische Ziele an, und das wird auch so bleiben. Aber die Globalisierung verändert die Landkarte: Afrikas Blick richtet sich zusehends nach Osten statt nach Norden. Als größte Fluglinie des Kontinents bilden wir diese Entwicklung ab.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Afrika verändert sich die Landkarte. Die äthiopische Regierung will sich zur führenden Regionalmacht in Ostafrika aufschwingen. Nutzt der Staat Ihre Firma dafür als Hebel?

Gebremariam: Ja. Die Afrikanische Union, die Uno-Wirtschaftskommission für Afrika sowie zahlreiche Botschaften haben Ihren Sitz in Äthiopien. Ohne eine zuverlässige Airline wäre das nicht möglich. Die Regierung will zudem Äthiopiens Exportindustrie ausbauen, auch dafür braucht es eine Airline mit einem großen Streckennetz. Bei der Stärkung des Tourismussektors spielen wir ebenfalls eine entscheidende Rolle - hier hat unser Land allerdings noch ein Marketingproblem.

SPIEGEL ONLINE: Wohl eher ein Sicherheitsproblem. Wer will schon in ein Land reisen, in dem die Regierung wegen ziviler Unruhen den Ausnahmezustand verhängt? Wäre es in Ihrem Land nicht friedlicher, wenn der Strukturwandel die Menschen weniger überrollte? Wenn nicht Millionen Bauern, Hausbesitzer und Geschäftsleute ohne Kompensation von ihrem Grund und Boden vertrieben würden?

Gebremariam: Es gibt in diesem Bereich tatsächlich einen Mangel an guter Regierungsführung. Der Staat arbeitet aber bereits an einem Konzept, wie die Bürger besser aufgefangen werden können.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte dieses Konzept aus Ihrer Sicht aussehen?

Gebremariam: In China, Indien, Brasilien und anderen Staaten mit großer Bevölkerung hat es ähnliche Probleme gegeben, als sie wirtschaftlich entwickelt wurden. Wir sollten versuchen, aus ihren Fehlern zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fehler lassen sich vermeiden?

Gebremariam: Wenn eine große Anzahl von Menschen umgesiedelt werden muss, dann sollte es zum Beispiel schon im Voraus einen genauen Plan geben, wie hoch eine angemessene Entschädigung ist und wohin man die Menschen umsiedelt. Es sollte für Betroffene ein Paket an Maßnahmen geben, nicht einfach nur Geld. Aber das ist nur meine persönliche Meinung, ich bin kein Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Äthiopiens Wirtschaft wächst seit 15 Jahren, aber vom Aufschwung kommt bisher nur sehr wenig bei den Bürgern an. Wie lässt sich das ändern?

Gebremariam: Durch qualifizierte Jobs. In Äthiopien leben bereits jetzt mehr als 100 Millionen Menschen, Tendenz stark steigend. Jedes Jahr machen rund Hunderttausend junge Äthiopier ihren Universitätsabschluss. Sie brauchen auf dem Arbeitsmarkt rasch eine Perspektive.

SPIEGEL ONLINE: Ethiopian Airlines gehört komplett dem Staat, leiht sich aber kein Geld von ihm. Warum verzichten Sie auf die günstigen Kredite?

Gebremariam: Weil wir so mehr Entscheidungsfreiheit haben. Unser Management ist gegenüber dem Staat in einer starken Position, da wir ihm kein Geld schulden. Das macht uns flexibler und wendiger als viele andere Staatsunternehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der Kredit nicht von der Regierung kommt, dann kommt er oft von den Chinesen. Das ist bei Ihnen und bei vielen anderen äthiopischen Firmen so. Schafft das nicht auch Abhängigkeiten, nur an anderer Stelle?

Gebremariam: Nein. Wenn wir neue Projekte starten, können wir zwischen europäischen, indischen, brasilianischen, chinesischen und vielen anderen Partnern wählen. Die Chinesen machen nur oft das beste Angebot. Vor allem bei Bauprojekten sind sie den Europäern weit überlegen.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Gebremariam: Die chinesischen Staatsfirmen bieten uns Pakete an: Design, Bau und Finanzierung. Bei Europäern müssen wir die Finanzierung selbst mit den Banken verhandeln. Für afrikanische Länder ist das sehr komfortabel.

SPIEGEL ONLINE: In Europa sagt man, dass die Chinesen halb Afrika aufkaufen.

Gebremariam: Sie haben dafür eine gute Formel gefunden.



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