Nigeria: Abfallwirtschaft mit hohem Investitionsbedarf

Lagos/Abuja (GTAI) - Lieferchancen in Nigerias Abfallsektor gibt es für deutsche Unternehmen derzeit nur vereinzelt. Aufgrund der Wirtschaftskrise ist die Staatskasse leer. Zudem genießt die Abfallwirtschaft nur geringe politische Priorität. Das stark steigende Müllaufkommen in einem der am dichtesten besiedelten Länder der Welt sorgt gleichwohl für eine erhebliche Dringlichkeit von Lösungen im Abfallmanagement. Vereinzelt engagieren sich internationale Geberorganisationen, unter anderem aus Frankreich.

Marktchancen

Größere Investitionen derzeit nur in Lagos und Abuja

Der vor allem von staatlichen Geldern abhängige Abfallsektor Nigerias befindet sich insgesamt in einer schwierigen Lage. So sorgt die gegenwärtige Wirtschaftskrise aufgrund des niedrigen Ölpreises seit etwa 2015 für leere Staatskassen. Devisenknappheit verteuert zudem die Importe.

Das Umfeld für Infrastrukturinvestitionen ist daher schlecht. Hinzu kommt, dass dem Sektor im Vergleich zu anderen Infrastrukturbereichen, wie Energie, Wasserversorgung oder Transport die politische Priorität fehlt. Größere Projekte im Abfallsektor finden im Land nicht statt. Geld fließt, wenn überhaupt, vor allem in Lagos und der Hauptstadt Abuja. Zu Anschaffungen kommt es auch in den weiteren Millionenstädten des Landes, wenn auch in deutlich geringerem Umfang.

Bei einem steigenden Ölpreis könnte der Investitionsumfang deutlich zunehmen. Auch könnte die politische Priorität sich ändern. Zunehmend beeinträchtigt nämlich der Müll die Lebensqualität der Nigerianer. In den Städten verstopft Plastikmüll immer wieder die offenen Abwasserkanäle, sodass es zu Überschwemmungen ganzer Stadtviertel mit Kloake kommt. Der Druck der Bevölkerung auf die Regierung, etwas für die Abfallentsorgung zu tun, könnte steigen.

Rund 180 Millionen Einwohner mit einem Zuwachs von etwa vier bis fünf Millionen Menschen jährlich verursachen gewaltige Mengen an Müll. Insbesondere hat in den letzten Jahren der Umfang des Plastikmülls deutlich zugenommen. Angesichts der hohen Bevölkerungsdichte in vielen Teilen des Landes könnte Abfallwirtschaft inklusive Recycling in Teilen auch kommerziell interessant sein. Nigeria weist mit etwa 200 Einwohnern je Quadratkilometer (Weltbank 2015) die mit Abstand höchste Bevölkerungsdichte Afrikas auf und verfügt mit Lagos, Ibadan, Benin City, Abuja, Calabar, Port Harcourt, Kaduna, Kano und Maiduguri über mindestens neun Millionenstädte.

Neue Deponie in Badagry mit Geldern aus Frankreich

Potenzial für Aktivitäten im nigerianischen Abfallsektor gibt es reichlich. Von der Müllsammlung über Mülltrennung, Recycling bis hin zu einem professionellen Management der Halden liegt vieles im Argen. Die Frage ist nur, wer das bezahlt. Aus vielen Ländern kommen nach Aussagen der zuständigen Behörden Abfallexperten nach Nigeria und hoffen, mit ihren Lösungen ins Geschäft zu kommen. Selbst in den Lokalbehörden ist jedoch die Frustration groß über den chronischen Kapitalmangel. Nur vereinzelt kommt es zu Beschaffungen. Derzeit wird vor allem günstige Technologie aus der VR China oder Indien von den zuständigen Behörden eingekauft.

Mitunter beteiligen sich auch Geberorganisationen an Investitionen. So engagiert sich die französische Agence Francaise de Développement (AFD) seit 2015 mit 100 Mio. US$ an der Verbesserung der Müllentsorgung in Lagos. Unter anderem wird in Epe (nahe Lagos) die erste professionell angelegte Mülldeponie mit Kompostieranlagen und Biogasanlage errichtet. Beratungsdienstleistungen für dieses Projekt wurden 2016 ausgeschrieben. Mit weiteren Beteiligungsmöglichkeiten ist zu rechnen.

Recycling für die Industrie in Lagos könnte sich lohnen

Wer im nigerianischen Abfallsektor ins Geschäft kommen möchte, braucht ein sehr gutes Netzwerk bis in die Lokalbehörden hinein. Insbesondere hilfreich sind Kontakte zu den relativ kapitalstarken Stadtverwaltungen der Großstädte. Gleichwohl muss man sich auf einen hohen Korruptionsgrad einstellen. Extrazahlungen sind so gut wie unumgänglich. Unrealistisch ist derzeit, dass die Stadtverwaltungen Konzessionen an ausländische Müllentsorger vergeben und diese beauftragen, eine umfangreiche Müllentsorgung durchzuführen. Hierfür fehlt dem Staat das Geld und so fährt er lieber die Billigstrategie mit diversen lokalen Entsorgern.

Zu einem lohnenden Geschäftsfeld könnte sich im Großraum Lagos das Recycling für Konsumgüterproduzenten entwickeln. In Lagos gibt es eine Vielzahl derartiger Unternehmen. Diese häufig internationalen Unternehmen, wie Nestlé, diverse Brauereien oder auch Procter & Gamble legen in der Regel Wert auf die Erlangung von ISO-Zertifikaten und müssen dafür auch in einem Land wie Nigeria ihre Abfälle nach internationalen Standards entsorgen. Diese Dienstleistung lassen sich die Hersteller etwas kosten. In anderen afrikanischen Ländern, wie zum Beispiel in Ghana, haben sich private Abfallentsorger bereits auf diesen Bedarf spezialisiert.

Intransparenz und fehlende Daten erschweren ein Engagement

In Lagos und Abuja ist die Versorgung noch am umfassendsten. In der Regel holen kleinere private Abfallentsorger, ausgestattet mit einer mehrjährigen Konzession für ein bestimmtes Stadtviertel, den Haushaltsmüll einmal in der Woche ab. Oft wird der Abfall nur auf offene Lkw aufgeladen. Mülltrennung und Recycling findet so gut wie nicht statt. Nur die informellen sogenannten Scavengers (Aasgeier) picken sich vor der Abholung Wertstoffe wie Glas oder Metall aus dem Müll heraus. Nicht selten haben die Scavengers ihren Wohnsitz auf der Müllhalde. Sie spezialisieren sich auf das Einsammeln bestimmter Rohstoffe, die sie an Händler weiterverkaufen. Darüber hinaus gibt es kleinere Pilotprojekte für Kunststoffrecycling oder Kompostierung seitens des Federal Ministry of Environment. Abgeladen wird der Abfall auf in der Regel überfüllten und in keiner Weise technisch ausgerüsteten Müllkippen der Städte. Dort landet auch der Industrie- und Krankenhausmüll. Die Halden werden fast ausschließlich von den Kommunalverwaltungen betrieben. So können die Behörden die von den privaten Unternehmen eingesammelte Müllmenge kontrollieren.

Die Rahmenbedingungen für den Müllsektor sind äußerst intransparent. Eine Abfallgesetzgebung gibt es in Nigeria noch nicht: Allerdings ist ein Gesetzesentwurf durch das zuständige Federal Ministry of Environment in Vorbereitung. Wann das Gesetz durch das Parlament kommt, ist unklar. Daten über den Sektor fehlen. Weder Müllmenge noch -zusammensetzung sind den zuständigen Stellen bekannt. Entsprechend ist unklar, welche Kapazitäten nötig sind, um den anfallenden Müll zu entsorgen. Staatliche Sektorziele sind ebenso wenig formuliert wie finanzielle Anreize für private Unternehmen. "Das muss von Fall zu Fall mit den Behörden ausgehandelt werden" heißt es aus dem Umweltministerium.

Viele Ausschreibungen auf Ebene der Bundesstaaten

Oberste zuständige Behörde ist das Federal Ministry of Environment. Dieses eher schwach ausgestattete Ministerium ist nicht in erster Linie für Beschaffungen zuständig und schreibt daher nur selten aus. Es setzt die Rahmenbedingungen für den Sektor und initiiert einige kleinere Pilotprojekte. Abfallmanagement ist in erster Linie Sache der Kommunen. In jeder Kommunalverwaltung befindet sich auch eine Organisationseinheit für die Müllentsorgung. In der Hauptstadt Abuja ist dies die Abuja Environmental Protection Board (AEPB), in Lagos die Lagos Waste Management Authority (LAWMA). Ursprünglich agierten diese als staatliche Müllentsorger. Im Zuge der Privatisierung wurde in den letzten etwa zwanzig Jahren die Abholung des Hausmülls zunehmend an private Konzessionäre vergeben. Einheiten wie AEPB und LAWMA betreiben weiterhin die Müllhalden und übernehmen die Entsorgung von Sondermüll, zum Beispiel aus Krankenhäusern. Während Lagos und das direkt der Bundesregierung unterstehende Abuja über Geld für Investitionen verfügen, sind kapitalärmere Städte und Kommunen auf die Finanzierung seitens der Bundesstaaten (States) angewiesen. Die in den Hauptstädten der Bundesstaaten angesiedelten Ministries of Environment schreiben daher einen beträchtlichen Teil der Beschaffungen im Abfallsektor aus.

Lokale Branchenstruktur

Privatisierung bei der Abholung des Hausmülls

Die für die Abfallentsorgung zuständigen städtischen Einheiten wie LAWMA oder AEPB beauftragen private Entsorger mit der Entsorgung des Hausmülls. LAWMA arbeitete nach eigenen Angaben bislang mit 350 privaten Partnern zusammen. Ähnlich ist die Struktur in anderen Städten. Anfang 2017 hat LAWMA die Entsorgung des Haushaltsmülls an das nigerianische Konsortium Visionscape abgegeben. Inwieweit Visionscape in der Lage und willens ist, Investitionen durchzuführen, bleibt abzuwarten. Interesse an der Kooperation mit ausländischen Partnern bekundete das Unternehmen jedoch.

Häufig handelt es sich bei den privaten Müllentsorgern um Kleinunternehmen mit ein paar Lkw, die über gute Beziehungen in die Stadtverwaltung verfügen. Diese Unternehmen leben von ihrer Lizenz und sind im besten Fall bestrebt, so viel Abfall wie möglich an der Deponie abzuladen, da sie nach abgeholter Müllmenge bezahlt werden. Interesse, in moderne Infrastruktur zu investieren, haben diese Unternehmen nicht. Die städtischen Einheiten hingegen investieren in Infrastruktur, sobald ihnen Kapital zur Verfügung steht.

Geschäftspraxis

Aufgrund der föderalen Struktur Nigerias gibt es keine zentrale Ausschreibungsstelle im Abfallsektor. Ein Großteil der Ausschreibungen werden von den Müllentsorgern der Großstädte Lagos und Abuja veröffentlicht. Darüber hinaus kommt es immer wieder zu Aufträgen seitens der Ministries of Environment auf Bundesstaatenebene. Da der Abfallsektor stark politisch beeinflusst und von guten Beziehungen geprägt ist, sind bei Beschaffungen häufig andere Aspekte ausschlaggebend als die Qualität des Produkts.

Immer wieder kommt es in bestimmten Bundesstaaten zu unerwarteten Investitionen. So hat sich in den vergangenen Jahren die Regierung des Bundesstaates Akwa Ibom auf die Verbesserung des Abfallmanagements konzentriert und viel in neue Infrastruktur investiert. Es ist daher wichtig, die Entwicklungen in einzelnen Bundesstaaten im Auge zu haben.

Ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht stehen unter http://www.gtai.de/recht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen unter http://www.gtai.de/zoll zur Verfügung.

(Bild: wilhei/pixelio.de)



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